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Sportsucht: Woran du merkst, dass Training zum Zwang wird

Von Sportsucht sprechen Fachleute, wenn jemand die Kontrolle über sein Training verliert und trotz deutlicher Nachteile weitermacht, etwa bei Verletzungen oder auf Kosten von Arbeit und Beziehungen. Eine offizielle Diagnose ist sie nicht, weder im DSM-5-TR noch in der ICD-11. Typische Warnzeichen sind Training trotz Verletzung oder Krankheit, Schuldgefühle bei ausgefallenen Einheiten und das Gefühl, nicht mehr aufhören zu können.

Viel Sport ist für sich genommen kein Problem. Von Sportsucht spricht die Forschung erst, wenn jemand die Kontrolle über sein Training verliert, immer mehr Zeit damit verbringt und dadurch körperlich, seelisch oder im Umgang mit anderen Schaden nimmt [1]. Diese Seite erklärt, welche Merkmale dafür beschrieben sind, wie sich Sportsucht von großer Leidenschaft unterscheidet, warum sie oft zusammen mit Essstörungen auftritt und was bei einem Verdacht hilft. Eine erste Einschätzung deines eigenen Trainings gibt dir das Sportsucht-Screening.

Was Fachleute unter Sportsucht verstehen

Weinstein und Szabo beschreiben Sportsucht mit drei Kernpunkten: übertriebenes Training, Verlust der Kontrolle über das eigene Bewegungsverhalten und negative Folgen im Leben [2]. In Studien heißt dasselbe Muster auch Sportabhängigkeit, zwanghaftes, exzessives oder pathologisches Training. Diese Begriffe werden oft nebeneinander verwendet, manchmal sogar in derselben Studie [1].

Viele Forschende ordnen Sportsucht mit dem Komponentenmodell der Verhaltenssüchte ein. Es nennt sechs Merkmale, die bei jeder Sucht auftreten sollen: Das Verhalten wird zum wichtigsten Lebensinhalt, es dient dazu, die Stimmung zu verändern, man braucht immer mehr davon, ohne es kommt es zu Entzugsbeschwerden, es führt zu Konflikten, und nach einer Pause fällt man rasch in das alte Muster zurück [1, 2]. Dazu kommt, dass Betroffene trotz Schäden weitermachen. Das gilt als eine der Parallelen zu Abhängigkeiten von Substanzen [1].

Eine offizielle Diagnose ist Sportsucht trotzdem nicht. Weder das US-amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5-TR noch die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, die ICD-11, führen sie als psychische Störung. Die Übersicht von Chhabra und Kollegen nennt als Grund anhaltende Probleme bei der Begriffsbestimmung und zu wenig gesicherte Erkenntnisse über Ursachen und Beschwerdebild [1]. Klinische Diagnosekriterien gibt es bisher nicht [2].

Woran du Sportsucht erkennen kannst

Die Übersicht von Chhabra und Kollegen zählt zu den typischen Merkmalen seelische Belastung, Schlafstörungen, das Gefühl, ohne Training etwas zu entbehren, Schuldgefühle nach einer ausgefallenen Einheit, wenig Appetit, einen ständigen Drang zu trainieren, immer längere Einheiten, Training trotz Verletzung und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Beschäftigungen [1]. Wenn Betroffene nicht trainieren können, berichten sie oft von Angst und Niedergeschlagenheit, verbunden mit Schuldgefühlen oder Reizbarkeit [1].

Als frühe Warnzeichen nennt dieselbe Arbeit drei Dinge: Training trotz Verletzung oder Krankheit, Schuldgefühle, wenn du nicht trainieren kannst, und das Gefühl, die Kontrolle über dein Training verloren zu haben [1]. Der wichtigste Unterschied zu gesunder Bewegung ist, dass Betroffene nicht aufhören können, obwohl das Training ihren Alltag deutlich beeinträchtigt [1].

Oft zeigt sich das in einem wiederkehrenden Ablauf. Vor dem Training steigen Anspannung und Unruhe, der Drang wird stärker, und nach der Einheit stellt sich Erleichterung ein, bis der Drang zurückkommt [1]. Aus "Ich will trainieren" wird dabei nach und nach "Ich muss trainieren", eine Pflicht, die erfüllt werden muss, weil sonst etwas Schlimmes zu passieren droht [1]. Wenn du dieses Muster bei dir kennst, ist das ein Grund, genauer hinzuschauen.

Leidenschaft oder Sucht?

Wer jeden Tag läuft und einen Marathon plant, ist deshalb nicht süchtig. Fragebögen zur Sportsucht haben genau damit ein Problem: Hohe Werte können auch Leidenschaft, Perfektionismus oder große Hingabe an den Sport widerspiegeln, ohne dass daraus eine Störung wird [1]. Die Bögen sind nur für eine grobe Vorauswahl gedacht. Wer dort auffällt, sollte in einem ausführlichen Gespräch mit Fachleuten klären, was hinter dem Wert steckt [1].

Mann in den Dreißigern spielt an einem sonnigen Nachmittag mit Freunden Beachvolleyball und lacht
Bild: KI-generiert

Ein Erklärungsmodell beschreibt den Übergang in Stufen. Am Anfang macht Sport Freude, dann kommen Verbindlichkeit und eine Leidenschaft, die sich gut in das übrige Leben einfügt. Diese Leidenschaft kann zwanghaft werden, wenn sich alles um das Training dreht. Den Schritt zur Sucht markiert der Verlust der Kontrolle, zusammen mit körperlichen und seelischen Beschwerden und negativen Folgen [1]. Die Autoren halten echte Sportsucht für eher selten [1]. Die Frage, die dir weiterhilft, lautet also, ob du das Training noch steuerst und ob es dir oder anderen schadet. Wie viel du trainierst, sagt darüber allein wenig.

Wie häufig Sportsucht ist

Verlässliche Zahlen gibt es kaum, weil jede Studie anders misst und meist nur ein erhöhtes Risiko erfasst. Die Tabelle zeigt, wie weit die Angaben auseinanderliegen.

GruppeAnteil mit erhöhtem RisikoBeleg
Regelmäßig Sporttreibende und Studierende (34 Studien)3 bis 7 Prozent[5]
Athletinnen und Athleten (34 Studien)6 bis 9 Prozent[5]
Metaanalyse aus 13 Studien mit 3.635 Personen6,2 Prozent[2]
3.760 Sporttreibende aus 15 Ländern9,5 Prozent[1]
330 spanische Radsportler6,1 Prozent[1]
317 italienische Marathonläufer15,4 Prozent[1]
72 deutsche Marathonläufer6,94 Prozent[1]

Nach einer von Chhabra und Kollegen zitierten Auswertung ist das Risiko bei Ausdauersportlern am höchsten (14 Prozent), gefolgt von Mannschaftssport (10 Prozent), Fitnesstraining (8 Prozent) und Kraftsport (6 Prozent) [1]. Im Mannschaftssport entsteht eine Sucht nach Einschätzung der Autoren selten durch das geplante Teamtraining. Wahrscheinlicher wird sie, wenn jemand zusätzlich allein trainiert [1]. Ob Männer oder Frauen häufiger betroffen sind, ist unklar. Manche Übersichten finden mehr Männer, andere Studien keinen Unterschied [1]. Weinstein und Szabo halten viele Angaben für zu hoch, weil sie primäre und sekundäre Sportsucht vermischen [2].

Wie Sportsucht entstehen kann

Ein Modell, das für alle Wege gilt, gibt es nicht. Mehrere Ansätze ergänzen sich, und in vielen spielt Stress eine zentrale Rolle [1, 2]. Nach der Bewertungshypothese von Attila Szabo verlassen sich manche Menschen zunehmend auf Training, um Stress abzubauen, nachdem sie die entlastende Wirkung erlebt haben. Fällt das Training wegen einer Krankheit, einer Verletzung oder einer dringenden Aufgabe aus, kommt es zu Entzugsbeschwerden und mehr Stress. So entsteht ein Kreislauf, in dem bei jedem neuen Stress mehr Training nötig wird [1].

Ein anderes Modell betont einschneidende Ereignisse. Eine Trennung, der Verlust der Arbeit oder ein belastendes Erlebnis kann dazu führen, dass Training plötzlich zum wichtigsten Mittel wird, mit der Belastung fertigzuwerden. Die Sucht entwickelt sich dann eher sprunghaft als schleichend [1]. Nach diesem Modell gibt es zwei Wege: einen, bei dem Training beim Bewältigen von Schwierigkeiten hilft, und einen, bei dem es um Leistung geht und körperliche Grenzen übergangen werden, was zu Verletzungen führen kann [1]. Als mögliche Einflüsse nennen Weinstein und Szabo außerdem die Angst vor einer Covid-19-Erkrankung und die starken Veränderungen im Alltag während der Lockdowns [2].

Fachleute unterscheiden zudem zwei Formen. Bei der primären Sportsucht ist das Training selbst die Belohnung. Bei der sekundären dient es einem anderen Ziel, meist dem Abnehmen, oder es hängt mit einer anderen Störung zusammen, etwa einer Zwangsstörung oder einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers [1, 2].

Sportsucht und Essstörungen

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit nennt übertriebenen Sport neben selbst herbeigeführtem Erbrechen als Maßnahme, mit der Menschen mit einer Essstörung ihr Gewicht regulieren. Angehörige sollen darauf achten, ob jemand dauernd oder phasenweise auffällig viel Sport treibt, um Gewicht zu verlieren oder nicht zuzunehmen [3].

Eine Metaanalyse von Mike Trott und Kollegen hat neun Studien mit 2.140 Erwachsenen ausgewertet. Bei Menschen mit Hinweisen auf eine Essstörung war die Chance auf eine Sportsucht etwa 3,7-mal so hoch wie bei Menschen ohne solche Hinweise [4]. Wie häufig Sportsucht in beiden Gruppen gefunden wurde, unterschied sich je nach verwendetem Fragebogen [4]. Weinstein und Szabo empfehlen deshalb, in Studien zur Sportsucht gezielt nach Essstörungen zu fragen, weil übermäßiges Training dort ein Teil des Beschwerdebilds sein kann [2]. Eine mögliche gemeinsame Ursache sehen Chhabra und Kollegen in Schwierigkeiten, mit eigenen Gefühlen umzugehen [1]. Wenn du Sport vor allem treibst, um Gegessenes auszugleichen, hilft dir der Essstörungen-Test beim Einordnen.

Neben Essstörungen treten bei Sportsucht häufiger Angststörungen, Zwangsstörungen, Depressionen, ADHS und Abhängigkeiten von Substanzen auf, besonders von Alkohol [1]. Manche Betroffene nehmen ohne ärztliche Aufsicht Mittel, die Leistung oder Aussehen verbessern sollen [1]. Ob Sportsucht eine eigene Störung ist oder meist ein Zeichen einer anderen, ist in der Forschung offen [1].

Welche Folgen Sportsucht haben kann

Die Folgen betreffen Körper, Psyche und Umfeld. Betroffene fühlen sich ihrem Verhalten ausgeliefert, verletzen sich, laufen etwa trotz einer ernsten Verletzung weiter, obwohl sie wissen, dass das schaden kann [1]. Im Alltag kommt es zu Streit mit Angehörigen, Desinteresse an anderen Dingen, gedrückter Stimmung, schlechteren Leistungen in Ausbildung oder Beruf und einer geringeren Lebensqualität [1]. Wer bereits zu Sportsucht neigt, hat nach Weinstein und Szabo häufiger Anzeichen von Depression und Stress, und diese nehmen nach einer Verletzung zu [2]. Wenn du viel trainierst und dich trotzdem dauerhaft erschöpft fühlst, lies auch den Ratgeber zu Regeneration nach dem Sport.

Was hilft

Eine eigens für Sportsucht entwickelte und geprüfte Behandlung gibt es nicht, und kontrollierte klinische Studien fehlen [1]. Bei mäßig ausgeprägter Sportsucht setzen Fachleute vor allem auf Aufklärung und Selbststeuerung: konkrete, überprüfbare Ziele und Wissen über Nutzen und Risiken von Bewegung [1]. Als bevorzugter Ansatz gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Sie soll Betroffenen helfen, ungünstige Muster zu erkennen und ein ausgewogenes Maß zu finden [1]. Wie gut sie bei Sportsucht wirkt, ist bisher kaum belegt [2]. In elf Studien zu zwanghaftem Training bei Essstörungen besserten sich beide Probleme [2].

Mann in den Dreißigern spricht in einem hellen Beratungsraum mit einem Berater, Teetassen stehen auf dem Tisch
Bild: KI-generiert

Ziel ist in der Regel ein moderates Training, das wieder Freude macht. Komplett mit dem Sport aufhören sollen Betroffene meist nicht [1]. Die Autoren der großen Übersicht halten es für wichtig, ein gesundes Maß zu finden und beizubehalten [1]. Wie viel Bewegung für die Gesundheit empfohlen ist, sagt die Weltgesundheitsorganisation: für Erwachsene 150 bis 300 Minuten mäßig anstrengende oder 75 bis 150 Minuten intensive Ausdauerbewegung pro Woche, dazu an mindestens zwei Tagen Kräftigung aller großen Muskelgruppen [6]. Wenn Training für dich vor allem ein Ventil für Stress ist, zeigt dir der Coping-Strategien-Check, welche anderen Wege du schon nutzt.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Hol dir Unterstützung, wenn du trotz Schmerzen, Verletzung oder Krankheit trainierst, wenn du weniger trainieren willst und es nicht schaffst oder wenn Beziehungen, Arbeit oder Schlaf unter dem Training leiden. Erste Anlaufstelle kann deine Hausarztpraxis sein, dort lassen sich auch Verletzungen und andere körperliche Folgen anschauen. Fragebögen ersetzen das Gespräch nicht, sie sind laut Chhabra und Kollegen nur für eine grobe Vorauswahl geeignet [1].

Junge Frau in Sportkleidung sitzt am Nachmittag mit einer Freundin auf einer Caféterrasse und spricht in Ruhe
Bild: KI-generiert

Wenn du dir Sorgen um einen anderen Menschen machst, rät das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit bei Anzeichen einer Essstörung, die Person direkt anzusprechen. Viele Betroffene sind froh, dass sich jemand kümmert, auch wenn manche zunächst abweisend reagieren. Angehörige können ermutigen, Beratung oder Therapie zu nutzen, und dorthin begleiten [3]. Telefonnummern der Sucht- und Drogen-Hotline und der Telefonberatung Essstörungen findest du auf der Seite Hilfe finden.

  1. Studie Exercise addiction: A review and evaluation of current research and theory. Journal of Behavioral Addictions 15(2):540 bis 566. Chhabra B, Demetrovics Z, Griffiths MD, Szabo A. Stand 2026. abgerufen am 28.10.2026
  2. Studie Exercise addiction: A narrative overview of research issues. Dialogues in Clinical Neuroscience 25(1):1 bis 13. Weinstein A, Szabo A. Stand 2023. abgerufen am 28.10.2026
  3. Behörde Was sind mögliche Krankheitszeichen?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), essstoerungen.bioeg.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  4. Studie A comparative meta-analysis of the prevalence of exercise addiction in adults with and without indicated eating disorders. Eating and Weight Disorders 26(1):37 bis 46. Trott M, Jackson SE, Firth J u. a.. Stand 2021. abgerufen am 28.10.2026
  5. Studie Prevalence of risk for exercise dependence: a systematic review. Sports Medicine 49(2):319 bis 330. Marques A, Peralta M, Sarmento H u. a.. Stand 2019. abgerufen am 28.10.2026
  6. Leitlinie World Health Organization 2020 guidelines on physical activity and sedentary behaviour. British Journal of Sports Medicine 54(24):1451 bis 1462. Bull FC, Al-Ansari SS, Biddle S u. a.. Stand 2020. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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